Das Feedback der Harbor Saints fraß sich noch durch die Gehörgänge, während der Geruch von heißgelaufenen Röhrenverstärkern schwer im Raum stand. Steph klatschte ihr Klemmbrett zu. Ein trockener Knall. Feierabend.
Sie bewegte sich mit einer beiläufigen Wachheit durch den Saal. Das alte Theater atmete schwer; es roch nach warmem Metall, altem Samt und dem feuchten Dunst nasser Jacken, der durch die geöffneten Türen vom Hafen hereinwehte. Steph liebte diesen Zustand: das Nachglühen. Überall lagen leere Becher, zerknitterte Flyer und die pure, rohe Energie von Menschen, die für ein paar Stunden alles andere vergessen hatten.
„Hey, nicht so verbissen! Das Kabel ist nicht dein persönlicher Feind“, rief sie einem jungen Helfer zu, der mit hochrotem Kopf an einer widerspenstigen Leitung zerrte. „Es ist nur beleidigt, weil die Show vorbei ist. Gib ihm drei Sekunden und ein bisschen Respekt, dann rollt es sich von alleine auf.“
Der Junge stutzte, grinste dann aber und lockerte die Schultern. Steph nickte ihm im Vorbeigehen zu. Genau das war ihr Job: die Fäden zusammenzuhalten, die Spannung aus dem Raum zu nehmen und das Chaos in eine Ordnung zu überführen, die sich nicht nach Arbeit anfühlte.
Steph steuerte auf die Technikecke zu. Die Frau am Pult war ein Profi, Typ „schon alles gehört, schon alles gesehen“. Steph liebte das. Sie schob sich an die Kante des Pults, nah genug, um die Restwärme der Geräte und den Geruch der Technikerin zu riechen – etwas Herbes, das gegen den Mief von nassem Hund und abgestandenem Bier im Saal anstank.
„Die 40 Hertz bei den Saints? Haben mir die Wirbelsäule neu justiert. Knaller-Job“, sagte Steph und fixierte die Hände der Frau, die gerade mit einem kurzen, trockenen Ruck ein Gaffa-Tape von der Konsole riss.
Die Technikerin hielt inne, warf ihr einen seitlichen Blick zu. Ein trockenes Schmunzeln. „Ich hab nur verhindert, dass die Boxen kotzen.“
„Bescheidenheit steht dir“, erwiderte Steph. Sie ließ den Blick ganz offen über das Profil der Frau wandern, von der Kante des Headsets bis zum tätowierten Unterarm. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie hinsah. „Aber ernsthaft. Du hast das Chaos heute Abend an der kurzen Leine gehalten. Ich bin beeindruckt.“
Die Technikerin drehte sich jetzt ganz zu ihr um und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Distanz zwischen ihnen war gerade klein genug, um das Knistern im Halbdunkel greifbar zu machen. „Klingt fast nach einem Anmachspruch.“
„Fast?“ Steph zog eine Braue hoch und ließ dieses schiefe Grinsen aufblitzen, das früher in Blackwell ganze Dramen ausgelöst hätte. „Ich feile noch an der Performance. Aber für heute bist du meine Heldin.“
Die Technikerin lachte leise, ein kehliges Geräusch. Ihr Blick hielt Stephs Augen für einen Herzschlag zu lange fest – ein stummes _Vielleicht_, das im Raum hängen blieb.
Steph genoss die Spannung, das kurze Aufleuchten von Interesse. Dann klopfte sie zwei Mal locker mit den Knöcheln auf das Metallgehäuse des Mischpults.
„Man sieht sich“, sagte sie, schon halb im Wegdrehen.
Keine Telefonnummern. Kein „Wo geht’s danach noch hin?“. Ein kurzer Funke zwischen den Koffern und den Meilen. Es war wie der Sound der Saints: Garage, Regen und das Wissen, dass man niemals lange genug an einem Ort blieb, um Wurzeln zu schlagen.
Sie ging den Mittelgang entlang, nahm im Vorbeigehen einen Becher entgegen, reichte ihn direkt an eine Reinigungskraft weiter und klopfte einem Musiker auf die Schulter. Sie war nicht der Mittelpunkt des Abends, aber sie war der Punkt, an dem alle Energien zusammenliefen.
An der Tür zum Seitengang hielt sie inne. Draußen trommelte der Regen gegen die hohen, beschlagenen Fensterscheiben und verwandelte die Lichter von Port Rowan in jene verschwommenen Farbflecken, die für das nasskalte Wetter hier oben im Norden Seattles so typisch waren. Steph zog ihre Jacke ein wenig enger.
In den Schatten des Seitengangs entdeckte sie Alex. Still. Beobachtend. Sie war Stephs Save-Point, auch wenn sie ihre Spielstände schon lange nicht mehr teilten. Sie waren damals als Paar aus Haven Springs abgehauen, die Köpfe voll mit dem Feuer, das Alex in dieser Kleinstadt entfacht hatte. Doch auf den endlosen Meilen zwischen Colorado und Oregon war die Romantik irgendwann einfach im Rückspiegel verschwunden. Kein Krach, kein Drama. Sie hatten sich schlichtweg umgeschult: Von Geliebten zu Profis. Ein verdammtes Power-Duo auf Tour.
Heute brauchten sie kein Händchenhalten mehr, um zu wissen, wann der Empathie-Müll der Menge Alex gerade wieder in die Knie zwang oder wann die Welt da draußen einfach zu laut wurde. Sie funktionierten blind. Ein Team, das keine Anleitung mehr brauchte.
Steph hob die Hand zu einem leichten Salut für die letzten Gäste, die das Foyer verließen, und atmete tief durch.
„Okay“, murmelte sie zu sich selbst, während sie den Blick noch einmal über die leere Bühne gleiten ließ. „Finaler Rundgang, Technik verabschieden, und dann... Nachglühen oben im Proberaum“
Steph grinste, wirbelte herum und steuerte auf Alex zu. Der offizielle Teil war tot, aber die Nacht fing gerade erst an, interessant zu werden. ‚Hey, Bardin‘, murmelte sie und legte Alex den Arm um die Schulter. ‚Raus hier. Bevor das Putzkommando uns mit einsaugt.
Hat dir die Leseprobe gefallen?
Die komplette Geschichte von Echos findest du auf Wattpad und FanFiction.de. Dort kannst du die Kapitel kommentieren, mit der Community diskutieren und die Reise von Kate und Steph hautnah miterleben.