Prolog

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Das Beratungszimmer in St. Jude riecht nach abgestandenem Lavendel und feuchter Wolle. Talia ist achtzehn. Sie sitzt mir gegenüber. Ihre Daumen graben sich in ein Papiertaschentuch, bis nur noch weiße Flocken auf ihren Knien liegen. Sie weint nicht. Sie zittert nur. Ein rhythmisches Beben, das den kleinen Holztisch zwischen uns erreicht.

„Sie beobachten mich, Kate“, flüstert sie. „Überall. In der Andacht. Im Supermarkt. Wenn ich die falsche Musik höre, rufen sie meine Mutter an. Sie sagen, es ist Sorge. Aber es fühlt sich an wie eine Belagerung.“

„Gott gibt uns keine Lasten, die wir nicht tragen können, Talia.“ Der Satz schmeckt nach Asche. Meine Stimme bleibt ruhig. Professionell. Ich habe diesen Satz hunderte Male gehört. Zu Hause. In Blackwell. In St. Jude.

Talia hebt den Kopf. Ihre Augen sind gerötet. „Und wenn ich die Last gar nicht will? Wenn ich einfach nur... atmen möchte, ohne dass jemand meine Lungenflügel zählt?“

Ich greife in meine Jackentasche. Meine Finger schließen sich um Max’ Lesezeichen. Das Resin ist hart. Kühl. Ein Anker. Ich sehe nicht Talia. Ich sehe ein Mädchen auf einem Dach, das auf den Wind wartet. Ich sehe die Flugblätter über Enthaltsamkeit in den Fluren der Highschool.

„Struktur ist wichtig“, sage ich. Ich höre mich selbst, als kämen die Worte von einem Tonband. „Ohne sie verlieren wir den Pfad. Die Gemeinde meint es gut. Sie wollen dich nur bewahren.“

„Bewahren“, wiederholt sie. Sie lacht kurz auf, ein hässliches, trockenes Geräusch. „Wie eine eingelegte Gurke im Glas. Still und haltbar.“

Ich reiche ihr ein neues Taschentuch. Meine Bewegungen sind mechanisch. „Wir beten heute Abend gemeinsam. Das gibt dir Halt.“

Talia starrt das Taschentuch an, als wäre es eine Beleidigung. Sie steht auf, ohne es zu nehmen. „Ich brauche keinen Halt, Kate. Ich brauche Platz.“

Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.

Ich bleibe sitzen. Das Ticken der Wanduhr füllt den Raum. Ich starre auf die weißen Papierfetzen auf dem Teppich, bis meine Augen brennen. Der Raum ist zu klein. Der Sauerstoff fühlt sich verbraucht an. Ich warte, bis das Echo von Talias Schritten auf dem Flur ganz verblasst ist.

Schwester Martha steckt den Kopf herein. „Du bist eine Gabe für uns, Kate. Ein echter Fels.“ Sie stellt einen Teller mit Muffins auf den Tisch. „Zuckerguss hilft immer.“

Ich stehe auf. Mein Stuhl scharrt über den Boden. „Ich brauche Luft. Keine Muffins.“

Ich lasse sie stehen und trete hinaus.

Draußen hängt der Seattle-Nebel tief. Ein feiner Nieselregen legt sich auf meine Haut. Die Bank hinter dem Mittelschiff ist klamm. Ich setze mich trotzdem. Ich schlage den Block auf und ziehe die Kohle über das Papier. Harte, schwarze Striche. Ich kenne jeden Stein von St. Jude. Jedes Fenster. Aber heute werden die Bögen unter meinen Fingern zu schmal. Zu spitz. Ein Käfig aus Graphit.

Die Feuchtigkeit kriecht in das Papier. Das Schwarz der Kohle weicht auf. Es beginnt zu verlaufen. Es blutet über die Ränder der gezeichneten Steine. Ich halte nicht inne. Ich ziehe die Linien weiter, beobachte, wie die Perfektion im Grau ertrinkt.

„Die Schatten sind am besten.“ Ich fahre herum. Der Block rutscht mir fast aus den Fingern. Drei Meter entfernt steht er. Lederjacke. Er riecht nach Tabak und Straße. Ein Fremdkörper in der Ordnung von St. Jude.

„Was?“, bringe ich heraus. Ich presse den Block gegen meine Rippen.

„Der Altar.“ Er nickt zum Papier. Er kommt nicht näher, aber seine Präsenz drückt gegen mich. „Dass er verläuft. Das macht die Sache ehrlich. Vorher war es nur Architektur. Sauber. Brav. Aber jetzt sieht es aus wie jemand, der schreit, aber die Lippen nicht voneinander bekommt.“

Mein Herz schlägt gegen den Block. Niemand in St. Jude benutzt das Wort _schreien_.

„Es ist nur der Regen“, sage ich. Meine Stimme klingt dünn.

Er lacht nicht. Sein Blick ist schwer. „Der Regen tut nur das, was du dich nicht traust. Ich hab dich beobachtet, Kate Marsh. Du sitzt hier jeden Tag, als würdest du darauf warten, zu Stein zu werden. Damit dich niemand mehr fragen muss, wie es dir geht.“

Ich starre auf das verschmierte Graphit. „Hier bin ich sicher.“

Er legt den Kopf schief. „Sicherheit ist nur ein anderes Wort für Stillstand. Und Stillstand ist der kleine Bruder vom Tod.“

Er tritt einen Schritt zurück und deutet mit dem Daumen über seine Schulter zum Seiteneingang. „Ich bin morgen um zwei im Werkraum. Wir bereiten den Trip nach Portland vor. Ich hab eine Idee für das leere Mittelschiff auf deiner Zeichnung. Du brauchst jemanden, der dir zeigt, wie man Kohle benutzt, ohne sie vor Angst zu zerbrechen.“

Er wendet sich ab. Er hält kurz inne, sieht mich über die Schulter an. „Morgen um zwei. Enttäusch mich nicht, Kate.“ Er geht den Weg hinunter, die Hände tief in den Taschen. Er hinterlässt eine Stille, die lauter ist als der Nieselregen.

Hinter mir schnappt die schwere Eichentür von St. Jude ins Schloss. Das Metall der Verriegelung greift. Hart. Unerbittlich.

Ich schließe die Augen. _Du bist kein Echo, Kate. Du bist der Klang._ Max’ Worte brennen in meinem Kopf.