Das Papier meines Skizzenblocks ist vom feinen Seattle-Nebel bereits klamm, noch bevor der erste echte Regentropfen fällt. Ich spüre den Widerstand der Kohle, ein raues Scharren, das bis in meine Fingerspitzen vibriert. Ich zeichne die Bögen der St.-Jude-Kirche. Ich kenne jeden Stein, jeden Winkel dieses massiven Gewölbes. In meiner Zeichnung sind die Fenster jedoch schmaler als in der Realität. Sie wirken wie Schlitze. Wie Augen, die zusehen, ob ich auch ja nicht stolpere.
Ich danke Gott jeden Tag für das Netz, das mich damals auffing, als Arcadia Bay nach mir griff. Aber während ich hier im Schatten sitze, frage ich mich manchmal, ob Er wirklich möchte, dass ich für immer in diesem Netz liegen bleibe. Es ist sicher hier, ja. Aber ich habe verlernt, wie man ohne das Geländer der Regeln läuft.
Ein einzelner, schwerer Tropfen klatscht genau in das Zentrum des leeren Altars auf meinem Papier. Er saugt sich gierig in die Fasern des Büttenpapiers, und die schwarze Kohle beginnt sofort zu bluten. Die tiefschwarzen Schatten, die ich so mühsam geschichtet habe, lösen sich in graue Rinnsale auf.
Verdammt.
Ich will das Buch zuschlagen, doch mein Körper reagiert zu langsam. Die Kohle bricht unter meinem verkrampften Griff – ein trockenes, hässliches Knack. Ich starre auf die Ruine meines Vormittags. Ein grauer Käfig, der im Wasser ertrinkt.
Ich schließe die Augen und atme tief ein, doch die Luft schmeckt nicht nach Freiheit. Sie schmeckt nach dem Echo des Morgens. In meinem Hinterkopf flötet noch immer Schwester Marthas Stimme, so süß und unnachgiebig wie der Lavendelduft ihres Waschmittels. „31 Jahre, Kate! Ein Segen. Ein weiteres Jahr in Sicherheit, unter Gottes schützenden Schwingen.“ Ich spüre noch immer den klamm-warmen Druck ihrer Umarmung. Sarahs Muffin in meinem Magen wiegt schwer – extra viel Schokolade, ein Trostpflaster für eine Wunde, die sie nicht sehen können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, die Narbe zu polieren.
Ich greife in meine Jackentasche und meine Fingerkuppen tasten nach dem Lesezeichen in Max’ Brief. Das Resin ist glatt und kühl, ein winziges Stück Ewigkeit, das einen vertrockneten Ahornflügel umschließt. „Du bist kein Echo, Kate. Du bist der Klang.“ Max schreibt aus einer Welt, in der man atmet. Ich hingegen lebe hier in St. Jude, dem Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle. Ein passender Ort für jemanden, der zwar überlebt hat, aber dessen Leben sich anfühlt wie eine Zeichnung, die man nicht zu Ende führen darf, aus Angst, einen Fehler zu machen.
„Die Schatten sind am besten“, sagt plötzlich eine Stimme. Rau wie Kies, der über Asphalt schrammt.
Ich fahre herum. Mein Skizzenblock rutscht mir vom Schoß, und ich fange ihn gerade noch ab, bevor er im nassen Laub landet.
Er steht etwa drei Meter entfernt, in respektvoller Distanz, und doch fühlt es sich an, als wäre er bereits tief in meinen Raum eingedrungen. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke, die an den Schultern bereits vom Regen dunkel verfärbt ist. Sein Haar ist wirr, vom Wind in alle Richtungen gepeitscht, und seine Augen – dunkel, wach, fast schon unverschämt direkt – taxieren mich. Er wirkt... unfertig. Als wäre er gerade erst aus einer Welt getreten, in der es keine Bügelzimmer und keine ordentlichen Gebetshäuser gibt.
„Was?“, bringe ich heraus. Meine Stimme klingt dünn, wie die von der „braven Kate“, die ich im Zentrum so perfekt spiele. Ich presse den Block an meine Brust.
„Der Altar.“ Er macht eine knappe Geste mit dem Kinn Richtung Papier. Er tritt nicht näher, aber seine Präsenz ist so massiv wie der heraufziehende Sturm. „Dass er verläuft. Das macht die Zeichnung ehrlich. Vorher war es nur... Architektur. Sauber. Brav. Aber jetzt sieht es aus wie jemand, der schreit, aber die Lippen nicht voneinander bekommt.“
Ich starre ihn an. In meiner Brust zieht sich etwas schmerzhaft zusammen. Niemand im St. Jude würde das Wort „schreien“ in den Mund nehmen. Sie nennen es „innere Unruhe“ oder „eine Prüfung der Standhaftigkeit“. Sie würden mir einen Tee bringen und fragen, ob ich beten will.
Dieser Mann hier tut nichts dergleichen.
„Ich bin Julian“, sagt er, und ein schiefes Grinsen bricht sein Gesicht auf. Es ist kein Lächeln, das beruhigen will. Es ist das Lächeln von jemandem, der weiß, wie es hinter Fassaden aussieht. Er hält kurz inne. „Ich arbeite drüben bei den Jugendprojekten und checke den Status quo, bevor es in knapp zehn Tagen Richtung Portland geht. Ich hab dich beobachtet, Kate Beverly Marsh. Du sitzt hier jeden Tag auf dieser Bank, als würdest du darauf warten, dass sie dich mit Wurzeln schlägt, damit du dich nie wieder bewegen musst.“
Die Direktheit ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich will mich verteidigen, will ihm sagen, dass ich hier sicher bin, dass ich gebraucht werde – doch die Worte bleiben im Hals stecken.
Julian macht einen halben Schritt zurück. Der Regen wird nun stärker, trommelt auf das Laub, doch er scheint es nicht einmal zu bemerken. Er wirkt in diesem Grau fast lebendiger als alles andere in Seattle.
„Muss leider schon weiter. Morgen um die gleiche Zeit?“, fragt er. Es ist keine Bitte, es ist ein Angebot, das wie eine Fluchtmöglichkeit klingt. Er wendet sich bereits zum Gehen, ohne auf meine Antwort zu warten. „Ich hab eine Idee für dieses leere Mittelschiff auf deiner Zeichnung. Und ich glaube, du brauchst jemanden, der dir zeigt, wie man Kohle benutzt, ohne sie vor lauter Angst zu zerbrechen.“ Er zwinkert mir kurz zu.
Ich starre ihm nach, unfähig, etwas zu erwidern. Seine Worte treffen mich wie ein gezielter Nadelstich, präzise und erschreckend tief. Er spricht nicht von der Perspektive oder der Schattierung. Er meint nicht das Papier. Er spricht von dem leeren Raum in mir, den ich mit Gebeten und dem „Brave-Kate-Lächeln“ zu füllen versuche. Er hat mich nicht nur beobachtet. Er hat mich gelesen. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, dass ich morgen nicht nur existieren werde, sondern erwartet werde.